(von Torsten B)
Nach 20jähriger Drogenkarriere kam ich im April 2000 aus Berlin in die Fachklinik Nettetal. Ich hatte keine Idee, was Therapie bedeutet und hatte nur den Wunsch, mit Drogen aufzuhören. Man sah mir den langjährigen Drogenmissbrauch an. Ich war misstrauisch, hatte Heimweh und der Tagesablauf fiel mir schwer.
Nach 2monatiger Eingewöhnungszeit fing ich an, mich mit meinen traumatisierten Erlebnissen auseinanderzusetzen. Ich erlebte und fühlte das erste Mal in meinem Leben meine Gefühls- und Umwelt unbetäubt
In den Gruppen- und Einzelgesprächen lernte ich meine Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Ab und zu wollte ich einfach weglaufen. Ich kam zu der Erkenntnis, dass manche Dinge im Leben zu „ertragen“ sind. Das Nettetal und die Klienten entwickelten sich zu einem Zuhause und zu einer Familie, die ich nie hatte. Es gab Konflikte, Frust und Wut, aber auch Versöhnung, Freude und Zusammenhalt. Ich begann zu erkennen, warum Drogen eine so große Rolle in meinem Leben spielten. Ich bekam hier viel von dem was ich nie hatte und doch immer wollte. Ich bekam Anerkennung, Lob, Zuspruch und Ermutigung. Es gab auch Tadel und Kritik. Es fiel mir anfangs schwer, Kritik nicht als persönliche Abwertung oder Angriff zu sehen, sondern als Möglichkeit frei zu entscheiden, ob sie zutrifft oder nicht. Ich schloss trotz meines großen Misstrauens mit einigen Mitklienten Freundschaft, von denen einige bis zum heutigen Tag anhalten.
Ich beendete die Therapie nach 10 Monaten und zog in die Nachsorge des Caritasverbandes. In der Nachsorge gelang es mir nicht, soziale, drogenfreie Kontakte aufzubauen, mir den Tag zu strukturieren oder mir Hobbys zu suchen. Doch das größte Problem war mein Alkoholkonsum. Ich lebte in der Illusion, dass ich mit Drogen ein Problem gehabt hatte und Alkohol ungefährlich war. Ich zog aus der Nachsorge aus, wurde mit Heroin und Kokain rückfällig und kam in den Knast. Im Knast entzog ich, machte mir klar, was schief gelaufen war und entschloss mich noch einmal, ins Nettetal zu kommen. Als ich nach der Haft wieder auf den Hof kam, hatte ich ein schlechtes Gewissen gemischt mit dem Gefühl von einem „willkommenen Zuhause“. Während dieser zweiten Therapie hörte ich auf zu Rauchen, fing an zu laufen und zu schwimmen, lernte mich zu reflektieren und fand zu meinen eigenen Werten. Ich kann mittlerweile aus dem Stegreif sagen, was mich als Person ausmacht ( z.B. Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Treue, Mitgefühl und vieles mehr). Mit dem Maß, mit dem mein Selbstwertgefühl stieg, wurde der Wunsch nach Sinn gebenden Werten für mein Leben größer. Ich entdeckte für mich die Religion. Ich zog nach der Therapie nochmals in die Nachsorge. Mittlerweile wohne ich seit 19 Monaten dort und es ist zu meinem Zuhause geworden. Ich habe in dieser Zeit kontinuierlich weiter Sport getrieben. Ich lebe seit 14 Monaten in einer Beziehung mit einer wunderbaren Frau. Ich lebe konsequent abstinent, keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten und habe Spaß dabei. Ich bin Buddhist geworden, habe sehr viele drogenfreie Kontakte, leider aber noch keine Arbeit.
Nun ziehe ich aus der Nachsorge aus. Ich freue mich, dass ich so viel geschafft habe und danke aus vollem Herzen den Menschen, die mir dabei geholfen haben. Ich schaue voll Zuversicht in die Zukunft. Ich habe auch etwas Angst vor dem, was noch auf mich zukommen mag. Ich habe meinen Frieden gefunden, mit mir und meiner Umwelt. Mittlerweile weiß ich, zu wem ich gehen kann, wenn es für mich nicht so gut läuft und was mich stärkt ist die Erfahrung, dass ein Leben ohne Rauschmittel auch schön und lebenswert sein kann.
Torsten B.
Juni 2004